The Witcher 3 ist das mainstreamigste Spiel des Jahrzehnts

Ich denke ja seit dem Release von Witcher 3 darüber nach, warum das Spiel so beliebt ist, und ich denke so langsam kommt mir die Antwort: The Witcher 3 ist einfach das perfekte Mainstream-Spiel der 2010er.

Es nimmt die erzählerischen Teile eines Rollenspiels und die spielerischen Teile eines Actionspiels. Es ist durchaus stark in seiner Erzählung, aber fordert die Spielenden nie wirklich heraus. Es ist technisch top umgesetzt und solide gebalanced, also gibt es objektiv kaum etwas auszusetzen. Es macht nichts neues, aber alles davon so gut wie es geht.

Es ist das ultimative Middle-of-the-Road-Spiel, so gut umgsetzt wie es sein kann, mit genau der winzigen Prise eigenem Charme, und vielleicht war das in der Kombination so nur einem Team möglich, das weder aus Japan noch den USA kommt.

Das mag jetzt salty klingen, weil ich mich ja eher bei der mit allen Konventionen brechenden Arthouse-Scheiße oder den überambitioniert-kaputten Fehlschlägen zuhause bin, aber mei, es ist schon okay. Natürlich ist das Spiel des Jahrzehnts am Ende eine Konsensentscheidung. Und dann ist mir The Witcher 3 immernoch lieber, als eine total seelenlose Scheiße. (Womit ich weder Ubisoft noch Call of Duty meine.)

Vielleicht ist The Witcher 3 sicher nicht das Spiel, das das Medium in diesem Jahrzehnts am meisten vorrangebracht hat, aber es ist vielleicht das Spiel, das am besten für das Jahrzehnt steht. Könnte natürlich viel besser sein. Aber auch schlimmer.

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Da gehe ich mit. Das sind sehr versöhnliche Worte, gut analysiert.

PS: Siehste, ich kann auch loben.

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Fänd trotzdem geiler, wenn’s zumindest hier am Ende ein streitbares Spiel wird :smiley:

Huh?
Also Gameplayseitig ist das Spiel auf schwer echt sehr fordernd.
Und die Geschichten sind durchaus auch mal echt fordernde Themen.
Oder wie genau meinst du das?

@benni also gerade beim Gameplay ist Zelda BotW echt eine Enttäuschung gewesen für mich, das wurde so überhöht und dann war das klettern einfach nur auf Grinding von Ausdauer mittels Samen suchen basierend…
Das Kampfsystem wird völlig konterkariert durch den Waffenverschleiss, weil dadurch das Spiel einem eigentlich dazu treibt nicht zu kämpfen sondern auszuweichen und das ganze Crafting ist maximal mies und nervend gelöst, viel zu umständlich und sperrig und unübersichtlich.

Und die Welt?
Ja, man konnte selbst viel entdecken, aber hat mich jetzt nicht umgehauen…

Erzählerisch fordernd, meine ich. Findest du, dass es das tut? Fand ich nicht. Fordern heißt ja, aus der eigenen Bequemlichkeitszone locken. Ja, gibt’s halt ein Quest über Homophobie, aber das ist dann halt auch auf einem Niveau, das fast noch unter dem gesamtgesellschaftlichen Konsens liegt. „Schwule sind auch Menschen“ ist jetzt nicht gerade bahnbrechendes Niveau, wenn man nicht gerade menschenverachtender Vollfascho ist.

Ich denke, wenn das Spiel wirklich fordernd gewesen wäre, dann wäre es nicht so einhellig gelobt worden. Und auch die Kritik der mangelnden Diversität war ja nicht so laut, wie es durch @christian.schiffer’s wiederholtes erwähnen wirkt. (Das war beim durchaus konmplizierteren Fall KCD stärker.)

Die wirklich interessanten, moralisch wirklich differenzierteren Quests kommen ja erst später im Spiel. Am Anfang ist es viel „haha, reingelegt“, fand ich zumindest. The Witcher 3 ist schon klar viel besser geschrieben als die meisten Fantasyrollenspiele, keine Frage, und auch die Welt ist phänomenal inszeniert. Aber ich glaube dass eben auch so viel gelobt, weil es dann doch immer einen gemeinsamen Nenner sucht und findet.

Edit: BotW ist ein gutes Beispiel, weil das Spiel wirklich kontroverse, starke Entscheidungen getoffen hat. Der Waffenverschleiß ist etwas, wofür es Gründe gibt, aber was sich auch sehr gerechtfertigt kritisieren lässt. Am Ende gibt es keine „richtige“ Antwort. Und das mag ich: Die Enwickler*innen haben hier durchaus aktiv einen Konflikt mit den Spielenden gesucht. Das heißt nicht automatisch, dass Breath of the Wild besser ist als The Witcher 3. Aber ich finde, hier wurde eine interessantere Entscheidung getroffen, statt das zu machen, was allen gefallen hätte.

Das sehe ich nicht so. Denn durch diese Quest wird klar, was das für eine homophobe Gesellschaft ist, durch die man sich hier bewegt. DA3 zum Beispiel, das dauernd so gelobt wir für die (m.E: recht klischeehafte) Darstellung von homosexuellen Personen ist da sehr viel bequemer. Gerade dieses beiläufige, „hey ich bin schwul und deswegen hat man mich aus dem Dorf geworfen“, das hat mir gefallen. Same bei Antisemitismus, wie ich ja versucht habe im Podcast zu erklären.

Im Übrigen ist „die eigene Bequemlichkeitszone“ auch eine Frage der Perpektive. Ich weiß nicht, warum das automatisch etwas Gutes sein soll. Carl Schmitt oder Martin Heidegger holt mich auch aus meiner „eigenen Bequemlichkeitszone“, aber so geil ist das trotzdem nicht.

Habe ich das wirklich so oft erwähnt? Also die Kritik an der mangelnden Diversität in Witcher 3? Daran kann ich mich nicht erinnern und zumindest war das nicht beabsichtigt. Denn natürlich war das bei KCD stärker, das ist ja klar.

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Ja, da hat the Witcher 3 schon einiges mehr zu bieten.
Es bietet Suizidgedanken, Depressionen, Verzweiflung, Zwangsprostitution und vieles mehr, gerade die kleinen nebenquests haben da oftmals noch themen die sie behandeln, die weit ausserhalb der Wohlfühlzone sind und selbst der von dir als kitschig angesehene blutiger Baron Erzählkomplex hat da mit Fehlgeburt, häuslicher Gewalt, usw. viele sehr unangenehme Themen und macht den Protagonisten dabei nie sympathisch, nimmt aber auch das Mühsal auf sich ihn nicht einfach als DEN bösen darzustellen (und bei mir hing er sich auf… das hat mir einen kloss im Hals versetzt)

Es wurde so einhellig gelobt, weil es zugänglich war UND eben zusätzlich sich nicht scheute unangenehme Themen anzuschneiden.
(und kann es sein dass dein Unmut an dem Spiel ist, DASS es so breit gelobt wird? :neutral_face: )

Nein, es ist ein undurchdachtes Konzept.
Einerseits will das Spiel einem Freiheit geben, nimmt sie aber dirtekt wieder, denn durch den extremen Waffenverschleiss zwingt es einem eigentlich zum umgehen von Gegnern, kampf ist nicht lohnend (der Pfeilmangel kommt da noch dazu), es gibt also ein klar priorisiertes, dominantes Vorgehen.
Dazu will der Waffenverschleiss einem dazu bringen, dass alle Waffen ausprobiert/genutzt werden, aber eigentlich nimmt er nur allen Waffen jeglichen Wert, man verbraucht sie stumpf
Drittens zwingt das Spiel einem eben wieder zu bestimmten Vorgehen, statt einem Freiheit zu lassen, weil immer nur bestimmte Waffen verfübar sind (ausser man schleicht und nutzt die geliebte nicht…)
Generell, ganz viele Gameplaysystematiken greifen nicht ineinander, bzw stören einander aktiv, Regen und Gewitter zwingen einem zB zu weitgehender Passivität (jajaja, kein Metall tragen) schränken die Möglichkeiten nicht nur ein, sondern reduzieren sie auf ganz bestimmte taktiken…

Also… es will vieles tun, macht es aber selbst wieder kaputt und ist einfach nicht zu Ende konzipiert, beziehungsweise widerspricht es den vermeintlichen Aussagen explizit (und genau das ist ein Grund, wieso es nicht „das beste Beste ever“ ist, viel Gameplay ist nicht durchdacht genug)

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Ja, auch bei mir baumelte der Baron und auch ich fand das überraschend…menschlich und irgendwie auch traurig am Ende.

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Gerade das macht Dragon Age: Inquisition doch im kompletten Dorian-Ark auch

Das Beste Spiel der Dekade ist zwangsläufig ein Mainstreamspiel… ein Spiel das den Mainstream nicht irgendwie mitnimmt, kann dahingehend nämlich keine Bedeutung haben, auch wenn die Erinnerungskultur der ewig gestrigen in Deutschland stets dagegen arbeitet und immer versucht „besonders exquisite“ Werke auf irgendwelche Sockel zu stellen. Deshalb achte ich den guten Herrn Schiffer allein für die Begriffe der Kunstscheiße und der Seidenschalscheiße - würde diesbezüglich jedoch noch Kulturscheiße und Pädagogikscheiße ergänzen.

Was Witcher 3 betrifft… da ich in den letzten 20 Jahren keine Nintendo Franchaise mehr berührt habe, weil ich das gesamte Umfeld einfach nicht anspricht, ist Witcher 3 für mich klar das Spiel der Dekade. Ich sehe das Spiel da auch weniger in der direkten Kontinuität zu den ersten beiden Teilen, die irgendwie klar anders sind. Bei mir wird es immer unter den Titel „Das Spiel, dass Piranha Bytes gern gemacht hätte“ laufen, denn irgendwie ist Gothic die Serie, die ich vom Gefühl beim Spielen her am ehesten an Witcher 3 anlehnen würde. Nur, dass Witcher 3 halt in fast jedem Aspekt besser ist.

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Mindestens zweimal, vielleicht kam’s mir auch nur so vor :smiley:

Das ist wahr, aber das steht ja auch nicht zur Debatte hier, das Loserspiel, harhar. Wobei es natürlich auch Raum gibt für Utopien, Spiele wie Dream Daddy, in denen wirklich keine Diskriminierung existiert (was ja auch wieder was subversives hat, vermutlich oft subversiver als Haudraufdiskriminierungsinszenierung). Aber die „Player-Sexuality“ (auch ein umstrittener Begriff) der Bioware-Spiele ist, mei, ja… (und auch die haben eine Weile gebraucht, bis man ein schwuler Shepard sein konnte.)

Aber das Auslagern von unterdrückten Gruppen in eine eigene „Fantasy-Rasse“ schleicht ja an sich auch schon wieder genau das Problem mit, das in dem Wort schon steckt. Das ist wie Rassismus gegen Roboter in Science-Fiction-Filmen. Ich halt das ja für schon lange nicht mehr zeitgemäßes Framing.

Sag mal, so aus Interesse, hast du eigentlich mal Valkyria Chronicles gespielt? Das ist in der Thematisierung von Antisemitismus noch mal deutlicher (und stolpert am Ende auch wieder über „ancient magical powers“ des unterdrückten Volkes).

Bereue total das Wort benutzt zu haben, das ist viel zu belastet und… auch nicht wirklich was ich meine. Dennoch fand ich für all das Lob über „moralische Grauzonen“ die Quest von The Witcher dann doch nur selten fordernd – vielleicht ist das aber auch etwas unfair und kommt nur durch das übertriebene Lob, das sich dann doch oft auf eines der doch schwächeren Quest wie eben den Blutbaron beschränkt.

Vielleicht ist auch Disco Elysium noch zu frisch, das sich selbst so konkret politisch positioniert und einem immer wieder mal bissige Sachen ins hinknallt, wo man wirklich kurz mal schlucken muss beim lesen. (Das Rassentheorie-Quest z.B.)

Nein, das sehe ich nicht so. Es wird hier ja nicht nur eine unterdrückte Gruppe in eine Fantasy-Rasse ausgealgert, sondern es werden die struktuellen Elemente offengelegt, die Antisemitismus von anderen Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit unterscheiden. Darum geht es und das ist etwas besonderes. Mir zumindest ist kein Spiel bekannt, dass das in ähnlicher Form tut. Valkyria Chronicles habe ich nicht lange gespielt, aber mein Eindruck war eher, dass Antisemitismus da lediglich als just an other Fom of rassimsus verhandelt wird. Die Zwerge in Witcher 3 hier sind ja nicht einfach nur eine „unterdrückte Gruppe“, sie gelten als geldgierige und mächtig Strippenzieher, die Mehrheitsbevölkerung fühlt sich ihnen unterlegen und ergeht sich auch deswegen in Rache und Vernichtungsphantasien. Vermutlich haben die Witcher-Macher die Dialaktik der Aufklärung von Adorno/Horkheimer nicht gelesen, aber durch Zufall wirkt es fast so. Natürlich ist The Witcher hier eher am mittelalterlichen Anti-Judaismus dran, als am modernen Antisemitismus, aber wenn man mal in die Welt hineinhorcht, sieht man schon Elemente von beidem. Und das es dort keine „realen“ Juden gibt, sondern der Antisemitismus hier über die Zwerge kodiert wird, stört mich wie gesagt überhaupt nicht. Ich fänd es eher weird, wenn da jetzt Menschen jüdischen Glaubend rumlaufen würden.

Wie grothesk und ja, auch gefährlich, Teile der Witcher-Rezeption waren und sind, sieht man übrigens exemplarisch an diesem Blog-Eintrag hier. Da wird das Thematisieren von Antisemitismus allen erstes als bequeme Lösung angesehen, um „Weiße“ nicht vor den Kopf zu stoßen. Das ist auf so vielen Ebenen falsch und dumm, dass es mich wirklich sprachlos macht.

Die Struktur antisemitischen Denkens in einem Spiel sichtbar gemacht zu haben, ist ein bleibender Verdienst von Witcher 3, der aus meiner Sicht gar nicht hoch genug eingschätzt werden kann. Und es ist ein Armutszeugnis der politischen Spielekritik, dass diese Tatsache über all die Jahre unterbelichtet geblieben ist. Das inbesondere in Zeiten, in denen die Gewalt gegen Jüdinnen und Juden zunimmt, Leute von der jüdischen Weltverschwörung faseln oder nur von schweren Holztüren davon abgehalten werden, in einer Synagoge ein Blutbad anzurichten oder so etwas hier passiert. Das macht es zu einem besonderen Spiel und auch zu einem wichtigen Spiel.

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Danke für die Erklärung :pray: Ich muss dazu sagen, dass ich mich null an den Teil es Spiels erinnern kann und vielleicht auch nie gesehen habe, wer weiß. (Erinner mich auch dran, dass ich Witcher 3 immer nochmal fertigspielen wollte.)

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Das solltest Du tun. Hast Du wenigstens die DLCs gespielt?

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Gerade die sind aber so famos und haben unglaublich tolle Quests.

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Seit Heute ist übrigens die Serie zu Witcher auf Netflix verfügbar

Heute morgen im U-Bahnhof


Gumo

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Sehr gute Kneipe bereits bei 00:02:41.

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… In der er gleich mal die Hand des Königs von Westeros trifft… #Brosche

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