Printmediale Retrospektive - 1984

Um dem Kampf der besten Spielejahre noch eine leichte Prise Objektivität zu verpassen, will ich in diesem Beitrag die vielleicht letzte unverfälschte Instanz und die Hüter der glorreichen Gaming-Geschichte bemühen, uns bei unserer Urteilsfindung zu stützen:

Der zeitgenössische Spiele-Fachjournalismus

Nur hier finden wir noch eine echte Einschätzung der jeweiligen Jahre, ganz ohne nostalgische Verklärung oder vermeintlichen Langzeitimpact. Einen einfachen Blick aus dem Jahr auf das Jahr. Voller Realness und so.

Für das Jahr 1984 bietet sich als papierener Zeitzeuge das „Happy Computer“- Magazin an (vor allem weil es 84 wohl das einzige adäquate Magazin am Markt ist).

Für uns, als aktive Teilnehmer der modernen Facetube-8-Sekunden-Insta-Samedaydelivery-Gesellschaft, ist übrigens der Hinweis wichtig, dass das „Spielejahr 84“ nicht unbedingt dem „Spieleerfahrungsjahr 84“ entspricht.
Vor allem nicht im damaligen West-Deutschland. Zwischen Release und Ankunft im deutschen Handel lagen gut und gerne mal 1, 2 Jahre (das Steam von damals hieß in der Regel „Vobis“ oder „Computer-Eck“ oder so). Von den von Herrn Schiffer erwähnten Titeln, schafft es nur „Summer Games“ in den Jahrgang 84 des Happy Computer Magazins (mit dem Vermerk, dass es aktuell nur in der USA für 28 $ zu erwerben sei).


„Im Gegensatz zu allen anderen Disziplinen kommt es beim 100 m-Sprint nur darauf an, wie schnell der Spieler den Joystick rauf und runter bzw. hin- und her bewegt. […] Diese Disziplin ist muskelkaterverdächtig und sehr spannen.“ meint der Tester.

Eine wahre Perle des Jahres 84, die sogar im selben Jahr in D erschien (und von Herrn Schiffer in seiner Argumentation leider bisher total ignoriert wurde), ist, mit dicker Lizenz im Nacken, „The Dallas Quest“.

DallasQuest-OpeningScreen

Das Grafikadventure ist zwar leider auf Englisch (der Rezensent empfiehlt ein Wörterbuch bereit zu halten), muss aber ein totales Brett sein. Der begeisterte Spieletester, ein junger Mann Namens H. Lenhardt, findet neben der „ausgezeichneten und neuen Standard setzenden“ Grafik vor allem den Humor toll. Etwas doof findet er, dass er es nach nur zwei Wochenenden durchhatte „wobei ich als eher mäßig begabter Adventure-Spieler berüchtigt bin“. Insgesamt also ein duftes Teil für geschmeidige 150 Mark. 1984! Yay!

Ein weiterer 84er Titel den Herr Schiffer seltsamer Weise zu erwähnen versäumte, ist „Football Manager“, quasi die Mutter aller Anstosse und Bundesliga Manager. Natürlich gab es auch diesen Titel 84 noch nicht in unseren Gefilden. Der Tester, wieder der engagierte Herr Lenhardt, verweist aber gern auf den englischen Markt, wo man mit 8 Pfund (das waren 84 gut 30 Mark) dabei war.
Lenhardt lobt das Spiel, sicherlich berechtigt, über den Klee. Auch wenn er anmerken muss, dass man während der simulierten Spiele „zum Exil auf der Trainerbank verdammt ist“. Voll gemein.

Aber was ist denn nun mit den in diesem Duell so oft erwähnten Titeln wie „Elite“, „Kaiser“ oder „The Ancient Art of War“?

Nun „The Ancient Art of War” schaffte es im Mai 85 ins Magazin. Und der Tester, mit dem mysteriösen Initialen „hl“, kommt zu folgenden überzeugenden Fazit:

„Freilich wird sich der eine oder andere an der ausgesprochene kriegerischen Rahmenhandlung stoßen. Doch wer keine moralischen Bedenken hat, kommt […] in den Genuss eines Strategiespiels, das […] immer wieder mit neuen Situationen überrascht.“.

test%20ancient%20art%20%20von%2085

Elite wurde schließlich im Oktober 1985 von dem Tester (na wer wohl) „hl“ mit allen Ehren überschüttet und als „ein Spiel fürs Leben“ geadelt. Vor allem die Grafik sorgt für Schnappatmung. „Das ganze wirkt weniger wie ein Spielprogramm, sondern eher wie eine astronomische Simulation.“. Geil!

Das Elite erst 85 in Deutschland erscheint, wird im Übrigen mit Hardwarekomplikationen erklärt. Die erste Version von Elite war nämlich nur für sog. Acom-Computer erhältlich. Und erst 85 auf einem anständigen deutschen Schneider PC lauffähig (davon gabs dann im Artikel auch gleich mal 50 (!) Stück zu gewinnen. Da kann sich Gamestar mal ne Scheibe abschneiden.).

elite

Und was ist mit dem vermeintlichen Strategieschwergewicht „Kaiser“? Gute Frage. Das war wohl so populär, dass es bei Happy Computer komplett ignoriert wurde. Der frühste Test dazu den ich finden konnte war aus dem Jahre 1988 im ASM (das stand im Übrigen für „Aktueller Software Markt“).
Der Test besticht dann auch durch gemäßigte Zurückhaltung:
kaiser

Unterm Strich kann man anhand der Spieletests im Happy Computer Magazin getrost behaupten, 1984 war ein epochales Spielejahr. Warum? Nun so ziemlich jedes getestete Spiel wird heftig gefeiert und hat unterm Strich ein herausragendes Ergebnis. Ein Jahr ohne Schrottspiele. Traumhaft.

Warum das so ist kann ich nicht sagen. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass offenbar sämtliche Spieletester des Landes entweder H. Lenhardt, hl oder Heinrich Lenhardt hießen. Oder weil als Tester jeder qualifiziert war der es schaffte nen Text und ein Bild an die Redaktion von Happy Computer zu schicken.

tester%20werden der%20achim
So lockt man halt auch nur die geilsten Typen an.

Ebenfalls erwähnenswert ist, dass das Jahr 84 offensichtlich auch schon dazu beitrug, das Patriarchat vor den Bildschirmen aufzubrechen. So berichtet Happy Computer etwa von der 22jährigen Irmgard die sich „für ein „gepflegtes“ Computerspiel“ durchaus erwärmen lässt. Und auch wenn Sie freilich nie in die Disco geht und die Berge der Technik vorzieht, ist es vllt gerade deshalb besonders Begrüßenswert, wenn Sie ab und zu ein bissl daddelt. Und das in einer Zeit in der die Leute immer noch der Meinung sind „ein Mädchen gehöre an den Herd, nicht an den Computer“.

Wenn ich so recht darüber nachdenke, ist 1984 vielleicht doch eher der Ursprung von GamerGate.

Unterm Strich kann man also sagen, 1984 war 1984 spieletechnisch echt dufte, Moral war eher hinderlich und Heinrich Lenhardt hätte noch den Absprung schaffen können…

9 Like

Sensationeller Post.

“Kaiser” wurde damals im Playboy besprochen. Kein Witz. Hat mir Mergard selbst gezeigt.

2 Like

Was ist mit Marble Madness? Wird das erwähnt? Lehnhard scheint es ja gemocht zu haben…

2 Like

Die 64’er ist auch schon 84 erschienen!

1 Like

Sogar mit einem eigenen Buch (hl) wurde dieses sensationelle Jahr gewürdigt! Hat 1996 ein eigenes Buch?

1984

4 Like

Das Design von Happy Computer Magazin stehen der WASD in nichts nach. Und das schon 1984. Ohne 84 keine WASD.

4 Like

Das sind gerade die bittersten Momente meiner gesamten LGS-Karriere.

3 Like

Wird *The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy" erwähnt?

Das Buch war leider so erfolglos, dass HL danach kein weiteres mehr geschrieben hat. Hätte er wohl besser mit 96 angefangen…

Aber im Ernst, sehr nettes Werk, kann man sich auf alle Fälle holen.

2 Like

Im Klartext: Für die ASM ist Kaiser vier Jahre nach Erscheinen also IMMER NOCH die beste Wirtschaftssimualtion der Welt?

Als Vertreter des 96’er Lagers muss wirklich mal Respekt für diesen Post aussprechen. :clap:

3 Like

Kann man den Text zu Elite hier hochladen? Mich interessiert wirklich sehr, wie damals darüber geschrieben wurde…

Das macht diese Wahl umso bedeutender! Das Triumvirat “hl, H. Lenhardt, Heinrich Lenhardt” kann durch Schiffer rehabilitiert werden! Es ist die zweite Chance für alle Spieler und Spielerinnen sich für 1984 zu bekennen und einen notwendigen Bruch mit den verklärten Erinnerungen und Anekdoten von 1996 herbeizuführen!

deadT

1 Like

https://www.kultboy.com/testbericht-uebersicht/618/

Test zu Elite. Sehr interessant, dass es damals noch keine Wertungszahlen gab. Wann fing die Wertungszahlenscheiße an?

“Elite ist wahrlich ein »Spiel fürs Leben«” und hat “leckere Grafik”.

2 Like

Oh mein Gott, der Lehnhardt hatte HAARE und SCHNÄUZER?!

6 Like

84 und 85 zumindest nicht. Aber vermutlich war das einfach zu englisch-sprachlastig…
:thinking:

1 Like

:astonished:
The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy wurde in der Happy Computer insgesamt dreimal getestet. Ein Test stammt von Boris:

https://www.kultboy.com/testbericht-uebersicht/949/

1 Like

Holy Shit. Ich war bisher immer der Überzeugung, dass ich Heinrich und Boris erst mit der PC Player kennengelernt habe, weil ich davor nur die 64er und die ASM gelesen hatte. Jetzt habe ich mir gerade ein Dutzend Tests der 64er angeschaut und fast alle wurden geschrieben von… genau, Heinrich und Boris :open_mouth:

2 Like

Stimmt hast recht. War ich 85 wohl etwas schlampig unterwegs…:pleading_face:

1 Like