Elite: Ein Erfahrungsbericht

Die Leidenschaft, mit der @Christian.Schiffer das Jahr 1984 zum wichtigsten und besten Spielejahr erklärt, hat mich beeindruckt. Ich stimme ihm zwar nur beim Teil mit dem wichtig zu und halte 1996 mit vielen guten Spielen für besser, aber so ganz losgelassen hat mich vor allem die wiederholte Erwähnung von Elite nicht.

Also hab ich das Ding im Emulator des Internet Archive angeschmissen und begebe mich nun im zarten Alter von… naja, jedenfalls war ich '84 noch nicht geboren, erstmal auf die Reise in den Weltraum.

Es folgt ein Erfahrungsbericht.

Linkliste zum Selberspielen


Logbucheintrag 1

Der Weltraum, ein unendlicher Vektorraum. Das nur in Umrissen, aber dennoch dreidimensional dargestellte Raumschiff auf dem Titelbildschirm könnte heute schon wieder Retro-Schick durchgehen. Aber nun, starten wir das Spiel.

Ich bin Commander Jameson. Zumindest behauptet das der Bildschirm, den ich nach dem Start sehe. Der verrät mir auch meinen Kontostand von 100 “Cr”. “Credits”, vermute ich. Als harmloser Typ ohne Vorstrafen hänge ich im Lave-System ab. Einen Laser habe ich, also gehe ich davon aus, dass sich dieser Status noch ändern könnte.

Wenn ich nur wüsste wie. Denn wenn ich ehrlich bin weiß ich nicht einmal, wie ich in diesem Bildschirm gelandet bin – oder ohn wieder verlassen kann. Vielleicht habe ich im Menü die in modernen Videospielen üblichen Einstellungen verpasst. Vielleicht gibt es keins. Jedenfalla komme ich mit dem intuitiven Drücken von Rechtspfeil, Linkspfeil, Escape und Leertaste nicht weiter.

Irgendeine Taste tut dann irgendwas, ich glaube es war “Enter”, und ich lande auf einem anderen Bildschirm. Und noch einem. Und noch einem. Scheinbar habe ich Fracht an Bord, 17 Tonnen Nahrung, 39 Tonnen Wein, 14 Tonnen Sklaven. “Fast wie Anno 1800” denke ich mir, “nur mit mehr Sklaven”.

Das “I” (mutmaßlich für “Intergalactic”) bringt mich schließlich auf die Sternenkarte. Ich erkläre “erstmal irgendwo hinfliegen” zu meinem Ziel, schließlich bin ich ein ungeduldiger Spieler und möchte nicht zahllose Stunden auf dem Tutorial-Plateaunetensystem verbringen.

Wenn ich jetzt nur rausfinden könnte, wie ich losfliege. “S” und “X” bewegen den Marker auf der Karte hoch und runter, soviel hab ich jetzt schon gelernt. Allerlei andere Tasten tun allerlei andere Dinge. Rechts und links finde ich auch nach ausgiebiger Suche im Zufallsprinzip nicht.

Plötzlich bin ich dann doch im Hyperraum! Und plötzlich wieder raus! Da ist er, der Anblick, für den ich gekommen war: Die Sterne. Ich schwenke ein paar mal mit dem Bug meines Raumschiffs hoch und runter, so als würde ich ihnen zuwinken.

Dann bin ich versehentlich schon wieder im Hyperraum und schließe vor Schreck das Browserfenster. Die viel gelobe Speicherfunktion hatte ich da leider noch nicht entdeckt.

Ich mache mir jetzt einen Gin Tonic und suche erstmal das Handbuch…

Statistik

Spielzeit: 6 Minuten

10 Like

Geil! Bilder entstehen in meinem Kopf!
Elite

Für deine weitere Reise eine wichtige Hilfe aus der Anleitung:

  1. Think about a planet’s needs.
  2. Think what might make the society function.
  3. Don’t trade expensive trivia to a hungry world.
5 Like

Logbucheintrag 2

Gut, dass ich zwei Monitore habe. So kann ich auf einem das digital aufgeschlagene Handbuch durchblättern. Das gehört zwar zur Commodore-64-Version, während ich die für den ZX Spectrum spiele, aber mei.

Die positive Überrschung: Anders als von Hardcore-Weltraum-Simulationen zu erwarten ist es kein Wälzer, sondern gerade einmal 64 Seiten dick. An irgendwas erinnert mich diese Seitenzahl, aber ich komme nicht drauf.

Auf den ersten Seiten lerne ich viel über mein Schiff, eine Cobra Mk III. Wendig, bewaffnet und hat einen gutes C-Holding-Faktor während dem Sprung durch den Hyperraum. Gut zu wissen. Was folgt ist die Erkenntnis, dass ich zum wenden allem Anschein nach das “auf” und “ab” mit einer Barrelroll (Zwinker, Zwinker, Nintendo-Fans) kombinieren muss.

Ein erster Praxisversuch ist zunächst erfolgreich… scheitert jedoch am nächsten Hindernis: Scheinbar erkennt das Spiel ein englisches Tastaturlayout. Das wäre nicht weiter schlimm, würde die Bremse nicht auf dem “?” liegen. Der Umstand, dass ich gar keine Ahnunbg habe, wie ich bremse, wird mir erst klar, nachdem ich im Angesicht eines Planeten auf vollen Schub beschleunigt habe.

Da ich nicht weiß, wie ich pausiere, bleibt mir keine andere Wahl, als mit der Situation zu dealen. Panisch lenke ich in einem 180-U-Turn ab und finde mich planlos ins Leere rasend wieder.

“Wie ein junger Keanu Reeves im Weltraum” denke ich mir und finde mich mit meinem Schicksal ab… ohne Bremsen werde ich früher oder später mit irgendetwas kollidieren.

Warum also nicht eine Party draus machen? Am Horizont – insofern es im Weltraum einen gibt – taucht ein Asteroid auf. Asteroiden waren, soweit ich weiß, in den Spacegames der 80er sowas wie die Söldnerarmeen in Uncharted oder russische Nationalisten in Call of Duty: Zum Wegballern da.

Ich schieße ein paar mal mit meinem Doppelphaser auf das Ding und das fühlt sich erstaunlich geil an, vielleicht auch, weil das einer der wenigen Momente ist, in denen ein Soundeffekt ertönt.

Einen Effekt hat’s nicht. Aus der Nähe stellt sich der Asteroid auch als etwas menschengemachtes heraus… irgendein Kubus. Vielleicht die neue Eigentumswohnung von @christian.alt (“Großraum München”).

Ich stelle das Feuer ein, weiche in letzter Sekunde aus und verliere mein Duell. Während ich in einem anderen Browserfenster nach englischen Tastaturlayouts suche rast meine Cobra hilflos in einen Planeten. Game Over.

Auf so viel Stress würde ich mir wirklich erst mal einen Gin Tonic gönnen, aber die Eiswürfel waren noch nicht fertig. Also verschiebe ich den nächsten Anlauf auf später. Dann geht die Luzi aber richtig ab!

Statistik

Spielzeit: 30 Minuten
Game Overs: 1
Cocktails: 0

9 Like

Das Handbuch ist echt ziemlich geil. Schade, dass die Kunst, ein Spiel in Worten zu erklären, völlig ausgestorben ist.

Ich glaube mein unfreiwilliger Sparringpartner war ein “Orbit Shuttle” von vorne.

7 Like

Ich weiß nicht mehr genau wann die Ultra-Orthodoxe “Show, don’t tell”-Fraktion das Ruder übernommen hat. Vielleicht so 1996?

1 Like

Wenn ich mich nicht irre, dann ist das kein Schiff, sondern eine Raumstation. An die du hättest andocken können.

3 Like

Logbucheintrag 3: “Load Elite 8,1”

Die Eiswürfel sind nach einer kleinen Verschnaufpause in Playerunkown’s Battlegrounds fertig. Ich habe mich für einen klassischen Gin Tonic ohne Gurke entschieden. Gurke passt nur zu Hendricks und Hendricks kann ich mir gerade nicht leisten, weil ich statt Deadlines einzuhalten ein Weltraumspiel aus dem Jahr 1984 spiele.

Außerdem ist mir aufgefallen, dass ich im Browser-Emulator gar nicht speichern kann. Deshalb habe ich die letzte Viertelstunde damit verbracht, einen Emulator (Emu64) auf meinem Computer zu installieren. Funfact: Elite ist 170 Kilobyte groß, der Screenshot vom C64-Ladebildschirm 247 Kilobyte.

Stellt sich außerdem raus, dass die C64-Version der Spectrum-Version technisch so weit überlegen ist, wie der PC Mitte der 90er dem Nintendo 64. Das hat sogar Musik im Menü und alles ist auf deutsch und es gibt viel mehr Farben! Meinen Piloten nenne ich zu Ehren von Christian Alt, Christian Schiffer und Christian Robert einfach “Chris”.

Ich beginne das neue Spiel mit einem leeren Lage und kaufe erst einmal ein. 6 Tonnen Nahrung, 5 Tonnen Wein, von Sklaven und “Spaltstoffen” lasse ich aber lieber die Finger. Nur zehn Minuten später habe ich rausgefunden, wie ich mein Schiff starte. Und ab geht’s!

Erstes Ziel ist der arme Industrie-Sozialstaat Leesti, vor allem wegen der Vorliebe seiner Bewohnerinnen und Bewohner für die schöne Kunst der Poesie sowie ihre essbaren Ameisen…

Das war zumindest dar der Plan, bis sich der C64-Emulator scheinbar aufhing. Ein paar Reboots, Pusten in das virtuelle Diskettenlaufwerk, eine Hand voll nützlicher Wiki-Seiten und den Wechsel auf einen anderen Emulator (CCS64) später… war der Gin schon halb leer. Ich mach nochmal 'ne Pause.

Statistik

Spielzeit: 35 Minuten
Game Overs: 1
Cocktails: 1

5 Like

Logbucheintrag 4: Hinterhalt vor Leesti!

Ein “cassette error”, dem ich jetzt nicht mehr hinterherjagen wollte, hielt mich davon ab noch einmal den Piloten “Chris” anzulegen. Deshalb fliege ich jetzt mit dem Standardcharakter “Jameson” los. Dafür aber endlich wirklich!

Nach diversen Neustarts ist mir der Weg in den Hyperraum schon in die Finger übergegangen. “F1” für den Blick ins Cockpit, “5” um die regionale Raumkarte aufzurufem, Planet “Leesti” anvisieren, “D” zum markieren, “H”, Countdown, 5, 4, 3, 2, 1 und los!

In der Ferne liegt Leesti. Planet der Industrie. Planet der Poesie. Planet der essbaren Ameisen. Ich beschleunige sanft, aber ohne Entfernungsmesse überkommt mich meine Ungeduld und ich gehe auf volle Geschwindigkeit.

Einige Sekunden verstreichen ereignislos, ohne, dass der Planet näher zu rücken scheint. Plötzlich durchbricht ein Geräusch die totale Stille, wiederholt sich ein paar mal, bis ich einen weißen Blitz an meinem Schiff vorbeifliegen sehe und realisiere, dass ich angegriffen werde!

Zum Glück habe ich als WASD-Geschulter PC-Spieler schon beim ersten Tastatur-Testlauf gegen die Raumstation herasugefunden, dass man mit “A” den Laser abfeuert. Also stürze ich mich ins Gefecht. Einer, zwei, ich bin mir nicht ganz sicher, aber am Ende sogar fünf gelbe Punkte flackern über die Kompasskarte und wollen mir ans Blech.

Die kann ich noch nicht ganz lesen, aber im Verlauf des Gefechts wächst in mir langsam ein Gefühl für Distanz und Richtung. Meine Schilde (die pinken Balken für “Front Shield” und “After… Shield”?) stecken in dieser Zeit ordentlich was ein.

Aber nach einer Weile hab ich den Bogen raus, reduziere mein Tempo, lege eine eher funktionale als elegante Rolle hin und positioniere mich hinter einem der Angreifer. Als ich ihn einmal im Fadenkreuz habe, bleibt ihm kaum eine Chance. Drei, vier Treffer später explodiert sein Schiff und mir werden 10 Credits gutgeschrieben.

“Nur nicht übermütig werden, Maverick” murmle ich mir zu, während ich übermütig werde und meinen inneren Tom Cruise für das nächste Manöver bündle. Swoosh, swoosh, langsam rüttle ich mein Fadenkreuz hin und her und werde nach einem zweiten Abschuss richtig selbstbewusst.

Der Kampf im Weltraum ist gleichzeitig sehr schnell, weil es schwer fällt, in der Dunkelheit Entfernung und Geschwindigkeit abzuschätzen, aber gleichzeitig träge, was auch der Performance eines Videospiels von 1984 geschuldet ist. Vermutlich würde sich ein Kampf im Weltraum genau so anfühlen.

Als der Frontschild versagt gebe ich noch nicht auf, muss aber einsehen, dass ich gegen die drei übrigen Piraten keine Chance habe. Bei einer Rolle, mit der ich einer Rakete ausweichen will, rückt Leesti wieder in mein Blickfeld und ich ergreife die Chance zur Flucht.

Mein Fluchtversucht kommt zu spät. In der Rückansicht sehe ich einen Verfolger, der unerlässlich feuert, bis auch mein hinterer Schild verschwindet. Der Frontschild hatte sich gerade ein Stück regeneriert, und ich versuche eine Wende, um zumindest eine Chance zu haben, aber es kommt zu spät…

Schiff zerstört. Game Over. Leesti muss auf ein andermal warten.

Statistik

Spielzeit: ~75 Minuten
Game Overs: 2
Abschüsse: 2
Cocktails: 2

7 Like

Falls jemand Bock hat, selbst Elite auszuprobieren, hier mal eine kleine Linkliste:

Zocken wie 1984 Starter Kit

  1. CCS64, ein C64-Emulator: http://www.ccs64.com/
    Macht von der Bedienung und Funktionen einen ganz guten Eindruck. Ich habe keine Vergleichswerte, und das Ding ist mir auch diverse male gecrasht, aber im Moment ist es der, den ich benutze.
  2. ROM von Elite im Internet Archive (“Elite_1985_Firebird_de.d64”): https://archive.org/download/Elite_1985_Firebird_de
  3. Das offizielle Elite-Handbuch: https://archive.org/details/Elite_1985_Firebird_Software
  4. Eine sehr (viel) übersichtliche(re) Anleitung zur Steuerung, aber auch einer guten Starthilfe ins Gameplay: https://www.c64-wiki.de/wiki/Elite#Hinweise
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Etikettenschwindel! Um wie 84 zu zocken, hättest du die letzten beiden Punkte natürlich weglassen müssen. Sowas hatte damals schließlich niemand zur Verfügung. :stuck_out_tongue: Und eigentlich hättest du auch noch eine Sprache wählen müssen, die du kaum verstehst und dafür einen Amazon-Link zum Langenscheidt hinzufügen.

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Klasse das Logbuch :joy:

Das nächste mal geht der Gin Tonic auf mich (dann aber bester August Gin) :wink:

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Ich mag ja den recht milden Botanist, was vielleicht auch ein bisschen Nostalgie ist. An das neue Flaschenredesign habe ich mich noch immer nicht gewöhnt.

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Den kannte ich bisher nicht. Hört sich aber nicht schlecht an.

Wenn du milden Gin magst dann probier mal den hier:

Den kann man auch wunderbar pur trinken. :ok_hand:

Die schönste Flasche hat Gin Mare.

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das schreit nach einer Spezialfolge in form eines Interviews mit Ian Bell und David Braben

Elite gibt es aktuell für lau im Frontierstore:

https://www.frontierstore.net/games/elite-dangerous-cat/elite1984.html

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Ein sehr guter Gin!

Ich habe am Wochenede den Romeos Gin und Ungava aus Kanada probiert.
Beide sehr gut, der Ungava hat eine leicht spritige Note (was an der Stelle nicht negativ gemeint ist). Kann man echt machen!


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